Die Fotosammlung des Maximilian Lambertz (2)
Albanien 1916
Bericht zur Reise in Nordalbanien, 1916
Die meisten Albanien-Fotographien von Max Lambertz wurden auf seiner im Auftrag der Balkankommission der Akademie der Wissenschaften in Wien unternommenen Reise des Jahres 1916. Unter ihnen sind schöne Aufnahmen von Mirdita und Nordalbanien sowie Fotos albanischer Stammesmitgliedern in ihre traditionellen Trachten. Die hiesige Sammlung wurde zum ersten Mal in dem Fotoalbum “Writing in Light: Early Photograph of Albania and the Southwestern Balkans”, Prishtina 2007, veröffentlicht. Der Nachlass der Lambertz-Sammlung befindet sich im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (www.bildarchiv.at), dem wir für die Erlaubnis zur Verwendung der Bilder dankbar sind.
Zum Glück besteht für die Identifizierung der Photographien auch ein Bericht über die Reise. Dieser in Wien erschienener “Bericht über meine linguistische Studien in Albanien vom Mitte Mai bis Ende August 1916" wird hier wiedergegeben mit Ausnahme des Materials von rein sprachwissenschaftlichem Interesse.
Im Frühjahr 1916 betraute mich die Balkankommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien mit der Aufgabe, an der von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften im Einvernehmen mit dem k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht und dem k. u. k. Oberstkämmereramte veranstalteten Balkanexpedition teilzunehmen, um in Albanien linguistische und folkloristische Studien zu betreiben.
Am 19. Mai brach ich in Gesellschaft des Kunsthistorikers und des Epigraphikers unserer Expedition von Wien auf. Nach kurzem Aufenthalt in Sarajevo, der zum Studium des Landesmuseums benützt wurde, ging die Reise über Kotor und den Lovčen nach Cetinje und Podgorica. Hier trennte ich mich von meinen Reisegefährten und begab mich zu dem Stamme der Gruda. Dieser äußerste Albanerstamm haust in den Bergen östlich von Podgorica im Cemtale in den Dörfern Dinoši, Pikala, Prifti, Lofka, Božaj und Selište. Baron Nopcsa hat das Gebiet im Sommer 1907 durchgewandert, um zu den Šala und Klementi zu gelangen. Am 28. Mai langte ich in Prifti an, der zwischen Pikala und Lofka gelegenen Siedlung des Pfarrers von Gruda. Diese ist heute noch kein Dorf, sondern besteht nur aus dem stattlichen, mit dem Gelde unserer Monarchie erbauten, neuen Pfarrhause und dem einige Minuten davon entfernten Kirchlein. Der Name der Siedlung bedeutet “der Priester”. Wie Prifti verdanken sehr viele albanische Ortsnamen ihre Entstehung dem Namen oder Titel des ersten Siedlers. Der in Nordalbanien mehrfach vertretene Ortsname Domgjoni zum Beispiel bezeichnet die Ansiedlung des Pfarrers Gjon, um die sich ein Dorf bildete. Die vielen Ortsnamen auf -ai sind durchaus Sippennamen, die unseren Namen auf -ing, -ingen, -ungen entsprechen. Pfarrer von Gruda ist jetzt der liebenswürdige Franziskanerpater Bonaventura Gječaj, ein gebürtiger Albaner, den seine Pfarrkinder mit dem den Albanern eigentümlichen Abscheu von langen Eigennamen P. Bona nennen. Er sowie der Grenzjägeroberleutnant Czuninka, der damals Gruda verwaltete, nahmen mich mit herzlichster Gastfreundschaft auf. So konnte ich dort im Zentrum Grudas meinen Studien bequem nachgehen; denn die Einwohner der zugehörigen Dörfer versammelten sich in Prifti sowohl des Gottesdienstes wegen, wie auch um ihren ärarischen Kukuruz zu fassen und um ihre Rechtsstreitigkeiten vor dem Richterstuhle des Kommandanten auszutragen. Ich führte mit ihnen Gespräche, um ihren Dialekt zu hören, und nachdem sie ihr erstes Mißtrauen überwunden und die Überzeugung gewonnen hatten, daß ich nicht gekommen sei, in ihrem Tale Fabriken zu gründen, sangen sie mir auch zur Lahuta Lieder, die ich nachschrieb...
In mehrtägigem Aufenthalte konnte ich mir einen Einblick in die Mundart des sympathischen Kriegerstammes der Gruda verschaffen. Gern wäre ich noch länger im schönen Cemtale geblieben, aber es zog mich nach Schkodra, dem geistigen Zentrum Nordalbaniens. Ich nahm also den Weg wieder zurück nach Podgorica, und da meine Reisgefährten sich, jeder seinen speziellen Studien nachgehend, in Montenegro zerstreut hatten, machte ich mich allein auf den Weg nach Schkodra...
Nachdem sich auch die anderen Teilnehmer an der Expedition in Schkodra eingefunden hatten, schloß ich mich ihrer Reise nach dem Süden an. Diese ging nach Lesch [Lezha], von wo ich mit Dr. Kidrić einen Abstecher nach Velja machte. Mit Dr. Buschbeck und einem reichdeutschen Herrn begab ich mich von Lesch aus über die Fuša Malungut [Fusha e Molungut] nach dem jetzt von Franziskanern bewohnten alten Kloster Rubigu, dessen Geschichte L. v. Sufflay in den von Thallóczy eben herausgegebenen inhaltsreichen Illyrisch-albanischen Forschungen behandelt. In Rubigu verbrachten wir den Pfingstsonntag. Von dem imposant auf einem Berge gelegenen, weit ins Land blickenden, gastlichen Stifte zogen wir das Tal des Fan abwärts bis zu seiner Mündung in den Mat und den Mat überschreitend nach Miloti. Ich stellte auf diesem Teil der Reise fest, daß der Dialekt der Mirdita auch in der Maltsija Lešs [Malësia e Lezhës] gesprochen wird und in Lesch bis an die Adria reicht. Von Miloti ging es über Mamuraš nach Skanderbegs alter Residenz, dem malerisch gelegenen Quellorte Kruja. Der Dialekt von Kruja deckt sich nicht ganz mit dem von Weigand beschriebenen von Durz [Durrës] und Elbasan, sondern müßte für sich studiert und aufgenommen werden, wozu mir diesmal die Zeit gebrach. Von Kruja ritten wir durch die fruchtbare, mit Ölbaumpflanzungen geschmückte Niederung nach der lieblich gelegenen Stadt der Toptanis Tirana, das mit seinen hinter hohen, unscheinbar gelben Mauern idyllisch versteckten anmutigen Gärten und prächtig-freundlichen Mohammedanerheimen auf uns einen tiefen Eindruck machte...
In Tirana trennte ich mich von meinen Reisegefährten, um nicht zu viel Zeit meiner Hauptaufgabe zu entziehen, und begab mich über Durz und Lesch, von wo aus ich diesmal Schen Gjin [Shëngjin] besuchte, nach Schkodra zurück.
In Schkodra hielt ich mich diesmal drei Wochen auf, setzte mit Marka Gjoka und anderen Mirditen mein Studium des mirditischen Dialekts fort und ließ mir im Verkehre mit dem schon genannten P. Vinzenz Prennushi, das Studium albanischer Kinderlieder angelegen sein. Einige Male besuchte ich auch den Schulunterricht, der bei den Franziskanern und in der Gemeindeschule nach österreichischen Unterrichtsplänen betrieben wird. Die zumeist mit leichter Auffassung begabten Knaben wissen im Rechnen und in der Geometrie, ebenso in albanischer Grammatik gut Bescheid. Auch Deutsch lehren die Franziskaner und die Gemeindeschule mit gutem Erfolg, so daß mancher der kleinen Jungen unseren Truppen als Dolmetsch zu dienen imstande ist.
Aus dem Munde geschickter Märchenerzähler zeichnete ich in Schkodra dreizehn Märchen auf. Daß die Zahl nicht größer ist, lag an den Zeitumständen, die das gerade für diese Seite der Forschung notwendige friedlich-behagliche Zusammensitzen mit den Eingeborenen seltener ermöglichten.
Unterdessen kehrten die anderen Teilnehmer an der Expedition nach Schkodra zurück, und ich beschloß, meinen Plan, in die Mirdita zu gehen, mit dem ihrigen, durch Nordalbanien nach Djakova [Gjakova] zu ziehen, zu vereinigen und auf dem Umweg über Nordalbanien nach Mirdita zu gelangen. Anfang Juli brachen wir von Schkodra auf und zogen durchs Kirital an Drišti vorbei über Prekalli ins Gebiet der Šoši. Als Wegführer diente uns bis Abbata Mark Lulaši aus Šoši, der mir unterwegs ein bequemer Gewährsmann für die Mundart von Šoši war. Diese zeichnet sich besonders durch die Aussprache von k’ als ts und von g’ als dz aus. Auch Lieder im Dialekt von Šoši zeichnete ich auf. Von der K’afa Gurikuk’ [Qafa e Gurikuqit] führte uns der Weg an Šoši vorbei hinab ins Tal des l’umi Šals [Lumi i Shalës], von dem aus wir, Abbata [Abat] links liegen lassend, zur K’afa Agrit [Qafa e Agrit] emporklommen, die die Grenze zwischen Šala und Merturi bildet. Von hier stiegen wir über Paltsa [Palç] ab nach Kotets zu und erreichten vor Kotets das Drintal. War die Tour schon von Drišti an überreich an landschaftlich prächtigen Bildern, imposanten Hochgebirgspanoramen, lieblichen Talbildern in Šoši und düster-trotzigen in Šala gewesen, so hatten wir beim Eintritt ins Drintal, das sich hier zwischen den Bergen von Merturi durchzwängt, Blicke von unbeschreiblicher Schönheit. Von Kotets am Drin aus stiegen wir nach Raja, dem letzten Orte der Merturi, empor. Es ist der Pfarrort an der Einmündung der Valbona in den Drin, wo P. Gjoni sein einsames Leben verbringt. Valbonatal einwärts haust schon der mohammedanische Stamm der Kraisnići [Krasniqi], der übrigens seinen bösen Ruf der Fremdenfeindlichkeit und Wildheit gar nicht verdient. Ich trat einigen alten Kraisnićis in Gegušen’ [Gegëhysen] näher und lernte sie als aufgeweckte, für Scherz empfängliche, allerdings sehr würdevolle Mohammedaner kennen. Ihr Dialekt gehört schon zu der Djakovagruppe. Im Valbonatal trennte ich mich von meinen drei Reisegefährten, die nach Nordosten zogen, während mich mein Weg nach Süden führte, und kehrte nach Raja am Eingang des Tales zurück. Dort fand ich in Beqir Nou und Kol Marku zwei willige Gewährsmänner für ihren Heimatsdialekt an der Grenze von Merturi, wo in weltentlegenster Bergeinsamkeit die liebliche, fischreiche Valbona in den Drin mündet und Kraisnići, Gači [Gashi] und Saši [Thaqi] mit Merturi zusammenstoßen...
Unterhalb Rajas überschritt ich durch eine Furt die Valbona und setzte dann in einem urprimitiven Doppeleinbaum über den Drin. Damit war ich auf dem Boden von Firdha [Fierza] im Stamme Saši [Thaqi] und für eine Strecke Weges auf derselben Route, die K. Steinmetz im August 1903 begangen und in seiner Schrift Eine Reise durch die Hochländergaue Oberalbaniens, dem ersten Hefte der von Patsch herausgegebenen Schriften zur Kunde der Balkanhalbinsel, beschrieben hat. Doch machte er die Tour umgekehrt wie ich, von Süden nach Norden. Durch schönen Urwald von hohen Eichen ging es von Firdha südwärts in den lieblichen Kessel von Ibalja [Iballja], der von mittelhohen Bergen umgeben ist. Der Drinferge war mir Wegführer und sprachliche Quelle für den Dialekt von Saši, der wie jener von Raja eine Mittelstellung zwischen Djakova und Mirdita einnimmt. In Ibalja verließ ich Steinmetzens Route, der von Krüezi [Kryezi] nach Ibalja gekommen war, und zog den westlichen Weg über die K’afa Tšomorís [Qafa e Çomorisë]. Von dieser führt der Weg recht halsbrecherisch hinab zum Ljumi Sapaçit [Lumi i Sapaçit] in Beriša [Berisha], steigt hierauf steil an den Hängen des schwarzbewaldeten Krabi [Krrab] empor zur K’afa Tmugut [Qafa e Tmugut] und senkt sich dann abwärts durch Eichenwald in das fruchtbare Tal von Čelza [Qelëza], aus dem er bis zu 820 m. Seehöhe auf das Hochplateau von Puka emporklimmt. Auf dieser Strecke eröffnen sich schöne Panoramen im weiten Halbkreis nach Norden. Acht Kulissen von Bergen reihen sich hintereinander, jeder anders gefärbt, vom grünbewaldeten Hügel bis zum grauen schneebedeckten Steinriesen. Man übersieht ganz Nordalbanien bis an die Nordalbanischen Alpen und den Škeltsen [Shkëlzen]. Oben auf dem Hochplateau zeigt sich, daß die Römer wie bei uns in Carnuntum, so auch dort in Epicaria [Puka] mit scharfem Blick den besten und schönsten Platz, der die ganze Gegend beherrscht, für ihr festes Standlager auserlesen haben. Daß der mitten im Plateau gelegene heutige Moscheehügel fraglos der Platz des Römerkastells war, haben schon v. Hahn und Baron Nopcsa erkannt. Die quadratische Form des Hügels, die deutlich erkennbaren Reste der antiken Umfassungsmauer aus schön behauenen Steinen, von denen einige in die nahegelegene Magazinsbaracke eingemauert sind, schließlich das fast durchwegs aus römischen Architekturstücken erbaute Minaret der Moschee beweisen es zur Genüge. Von Puka zog ich zunächst ostwärts nach Bicaj im Tal des großen Fan und nun einen Tag lang auf recht bedenklichem Saumpfade hoch über dem Tal des Fan südwärts bis Kalivari [Kalivarja]. Von Bicaj an befand ich mich schon in Mirdita und war wieder auf die vorhin erwähnte Route Steinmetzens gestoßen. Mirditenorte des Bairaks Spači, die ich unterwegs berührte, waren Šmihija, Škoza [Shkoza], Gojani. In Kalivari verließ ich das Tal des großen Fan und erstieg aus dem grünen Tal des Ljumi Kalivarit über Mesul und die Alm von Mušta die K’afa Lug’ut (1465 m.) am Südfuß der Munelakuppe. Diese selbst, die Steinmetz als erster 1903 erstieg und von der aus die Mirditen im verflossenen Jahre ihre Kämpfe gegen Essad ausfochten, ließ ich links liegen und stieg, von Mark Deda aus Domgjoni geführt, durch stundenweite wunderbare Buchenwälder, in denen man noch auf Verschanzungen und Weghindernisse aus den Tagen jener Kämpfe stößt, über die Alm von Domgjoni, die mir wie die vorhin erwähnte von Mušta die lebendige Vorstellung einer albanischen bješka vermittelte, ins Tal des kleinen Fan nach Domgjoni ab. Dort entließ ich Mark Deda, den ich unterwegs für meine sprachlichen Zwecke ausgenützt hatte. Das Tal des kleinen Fan abwärts, nahm ich den Weg an der Pfarre Fani vorbei, übernachtete auf dem geheim gehaltenen und versteckt in einer Felswildnis gelegenen Thingplatze der Dorfältesten des Bairaks und langte am nächsten Tage in Oroschi [Orosh], dem Zentrum der Mirditen, an.
Diese lieblich gelegene Residenz des Mirditenabtes ist schon von einigen Reisenden, besonders von A. Degrand in Souvenirs de la Haute-Albanie (1901) und von K. Steinmetz in seiner oben zitierten Schrift beschrieben worden. Auf einer Stufe des Berges, der das linke Fanufer dort bildet, in halber Höhe seines hinteren Abhanges hoch über der Talsohle gelegen, erinnert Orosch mit seiner stattlichen, nach Süden zu weithin sichtbaren Kirche und der geräumigen Abtei etwas an unser Maria-Taferl. Gegenüber klettert an einem zungenförmigen, steil ansteigenden Hange des hl. Berges, des Mali Šen’t [Mali i Shejtit], das Dorf Orosch empor. Der Abt wohnt jetzt in Schkodra, die Abtei ist Sitz eines Stationskommandos, als dessen Gast ich hier mehrtägigen Aufenthalt nahm. Diesen benützte ich, um mehrmals nach dem Dorfe Orosch emporzusteigen, dort die Mirditen in ihren Kullen aufzusuchen und mir durch Anlegung von Wortlisten und Aufzeichnung von Gesprächen einen Einblick in ihren Dialekt zu verschaffen. Ich stellte zu meiner Befriedigung fest, daß meine mirditischen Gewährsmänner in Schkodra mir ein reines und unverfälschtes Mirditisch übermittelt hatten.
Als von Orosch eine Gendarmeriepatrouille nach dem benachbarten Gebiet der Lurja [Lura] abging und der sie kommandierende Offizier mich einlud, mitzukommen, ergriff ich mit Freuden die Gelegenheit, in das Gebiet jenes wegen seiner Wildheit und Fremdenfeindlichkeit verrufensten Albanerstammes zu kommen, der mir schon au den Schilderungen K. Steinmetzens in seinem Werk Von der Adria zum schwarzen Drin wohlbekannt war. In einem Tagesmarsch erreicht man von Orosch aus Lurja. Der Weg führt links vom Mali Šen’t über das weite, bewaldete Hochplateau der Fuša Šen’t, auf dessen östlichem Rande, wo wir Mittagsrast hielten, sich noch mehrere Erdhütten und zahlreiche umherliegende leere Konservenbüchsen mit cyrillischen Aufschriften als die Reste eines serbischen Lagers finden aus den Tagen der Flucht des geschlagenen serbischen Heeres durch Albanien. Von hier senkt sich der Weg ins Mallatal und steigt dann links durch einen waldigen Graben nach Lurja eper, das wunderschön 1100 m. hoch in einem Gebirgskessel liegt. Seine Lage erinnerte mich lebhaft an die unserer höchsten Tiroler Orte Gurgl und Vent. In Lurja eper weilte gerade das k. u. k. 19. Feldjägerbataillon, das dorthin eine Expedition unternommen hatte. Sein Kommandant, Herr Oberstleutnant Gustav Broser, nahm mich gastlich auf und da er von Lurja aus noch nach dem benachbarten Kseła [Kthella] und Selita ziehen mußte, um dort als Richter zu amtieren, richtete er an mich die Bitte, mitzukommen und meine Kenntnis der Landessprache in den Dienst der Expedition zu stellen. Gern ging ich auf diesen Vorschlag ein, weil es mich erstens freute, hier etwas nützen zu können, zweitens die Gelegenheit, Stamm und Sprache der Kseła kennen zu lernen, mir sehr willkommen war. Nachdem das Gericht in Lurja beendet war, zog ich also mit dem 19. Jägerbataillon über Oroschi und Kseła eper nach Selita, wo wir auf der K’afa Kišs [Qafa e Kishës] zwischen Kirche und Pfarrhaus im Mittelpunkte dieses unfriedsamen Stammes unser Zeltlager aufschlugen. Was ich in zehntägigem Zusammensein mit dem 19. Jägerbataillon, in emsiger Zusammenarbeit mit den liebenswürdigen Offizieren dieser Truppe in einem ungemütlichen Winkel Albaniens erlebte, gehört mehr in ein Kapitel der politischen Geschichte Albaniens in dieser sturmbewegten Zeit als in den wissenschaftlichen Bericht an eine gelehrte Körperschaft. Nur so viel sei gesagt, daß sowohl die mohammedanischen Lurjas, wie die nicht um ein Haar besseren katholischen Ksełas mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht werden mußten, daß die “guten alten” albanischen Zeiten vorbei seien, und daß in Gestalt des österreichisch-ungarischen Heeres die mitteleuropäische Zivilisation sich erlaube, an ihre bisher jedem Fortschritt in kultureller und ethischer Hinsicht verschlossenen Pforten anzupochen.
Nachdem ich hier meine Aufgabe als “Gerichtsdolmetsch” erfüllt und nebenbei mich auch über die Mundart der Stämme orientiert hatte, die der von Mirdita ganz nahe steht, nahm ich von den Herren des Bataillons Abschied und kehrte über Oroschi, Bliništi, Ungrej, Vigu und Vaudejs [Vau i Dejës] nach Schkodra zurück. Von dort trat ich nach kurzem Aufenthalt die Rückreise in die Heimat an.
[Ausschnitt aus: Maximilian Lambertz: Bericht über meine linguistische Studien in Albanien vom Mitte Mai bis Ende August 1916. in: Anzeiger der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Phil.-hist. Kl., Wien, 53 (1916) Nr. XX, S. 122-146.]