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deutsch  Frühe Fotografie in Albanien
- Franz Baron Nopcsa -

Robert Elsie

Frühe Fotografie in Albanien

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2010.11.12

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Neues zu dem Wiener Gelehrten, der beinahe König von Albanien wurde:

Franz Baron Nopcsa
und sein Beitrag zur wissenschaftlichen Albanienforschung

Am 26. April 1933 veröffentlichte die Neue Freie Presse Wien folgenden Bericht:

Das blutige Drama in der Singerstraße
Der Gelehrte als Mörder und Selbstmörder

"Wie berichtet, hat gestern Vormittag der 55-jährige Privatdozent (Baron) Dr. Franz Nopcsa in seiner im dritten Stockwerk des Hauses I, Singerstraße 12, gelegenen Wohnung seinen langjährigen Sekretär, den 45-jährigen Albaner, Bajazid Elmas Doda, erschossen und sich dann selbst in seinem Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch durch einen Schuß in den Mund entleibt. Die amtsärztliche Untersuchung stellte bei dem Sekretär fest, daß er zwei fast an der gleichen Stelle der linken Schläfe gelegene Einschüsse aufwies, die den Schädel durchbohrt haben, so daß die Projektile nach Austritt aus dem Kopf im Kopfpolster liegen blieben.

Nopcsa scheint die Tat mit Umsicht vorbereitet zu haben. Zahlreiche verschlossene Abschiedsbriefe an Verwandte und Bekannte, ein verschlossenes an einen Wiener Rechtsanwalt adressiertes Testament und andere Aufzeichnungen wurden gefunden. Daß auch materielle Schwierigkeiten mit ein Beweggrund zur Tat gewesen seien, kann außer den Angaben der Bedienerin, die seit vier Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatte, auch daraus geschlossen werden, daß Franz Nopcsa, der mit Leib und Seele an seinen Büchern und Sammlungen hing, geplant hat, seine reichhaltige, viele Unika enthaltende Bibliothek... zu verkaufen....

... ein Schreiben an die Polizei "Die Ursache meines Selbstmordes ist zerrüttetes Nervensystem. Daß ich auch meinen langjährigen Freund und Sekretär, Herrn Bajazid Elmas Doda, im Schlafe und ohne daß er es vorausgeahnt hätte, erschossen habe, liegt darin, daß ich ihn krank, elend und ohne Geld nicht auf der Welt zurücklassen wollte, da er dann zuviel gelitten hätte. Ich wünsche verbrannt zu werden."

So endete das bewegte Leben des Franz Baron Nopcsa von Felsöszilvás (1877-1933), eines der schillernsten Forscher und Gelehrten seiner Zeit. Als Sohn einer ungarischen Adelsfamilie wurde Nopcsa am 3. Mai 1877 auf dem elterlichen Gut Szacsal (Sacel) bei Hatzeg in Siebenbürgen geboren. Durch die Vermittlung seines Oheims und Taufpaten, Franz von Nopcsa (1815-1904), Oberhofmeister bei Kaiserin Elisabeth, konnte Nopcsa seine Matura am Maria-Theresianum in Wien ablegen. Das vielleicht entscheidende Ereignis seiner Jugend fand im Jahre 1895 während eines Ausfluges um Szentpéterfalva statt. Dort entdeckte er und seine Schwester Ilona fossile Knochenreste eines Dinosauriers, die er an den Geologen und Paläontologen, Professor Eduard Suess, nach Wien schickte. Von seiner Matura 1897 bis zum Jahre 1903 studierte Nopcsa u. a. bei Suess an der Universität Wien, die damals eine Hochburg der paläontologischen Forschung war.


Franz Baron Nopcsa
in Malessorentracht, ca. 1916


Stammsitz des Nopcsa-Geschlechts
in Szacsal, Siebenbürgen

Nopcsa entwickelte sich selbst schnell zu einem begabten Forscher der Paläontologie. Schon als 22-jähriger hielt er am 21. Juni 1899 in der Klassensitzung der Akademie der Wissenschaften in Wien seinen ersten Vortrag mit dem Titel Dinosaurierreste in Siebenbürgen, welcher großes Aufsehen erregte. Er gilt u. a. als Begründer der Paläophysiologie, vor allem mit seinen auch im Ausland anerkannten Studien über fossile Reptilien. Bekannt wurden seine Hypothesen von 'running proavis', von der Warmblütigkeit der Pterosaurier und von der Bedeutung bestimmter endokriner Vorgänge, die er für die Evolution und das Aussterben der Riesenwüchse für bedeutsam hielt. Obzwar nicht alle seine Theorien ohne Widerspruch angenommen wurden, befruchteten und prägten sie weite Gebiete der paläontologischen Forschung. Ebenso groß waren Nopcsas Verdienste in der Geologie, etwa bei der Forschung der tektonischen Struktur der westbalkanischen Gebirge, bei der er manchmal gewagte Theorien vertrat.

In späteren Jahren wurde er auch zu einem der führenden Albanienforscher seiner Zeit. Seine albanologische Veröffentlichungen aus den Jahren zwischen 1907 und 1932 umreißen in erster Linie folgende Gebiete: Vor- und Frühgeschichte, Ethnologie, Geographie und Neuere Geschichte sowie das albanische Gewohnheitsrecht, den Kanun. Die frühen Arbeiten wie Das katholische Nordalbanien (Budapest 1907), Aus Šala und Klementi (Sarajevo 1910) und Haus und Hausrat im katholischen Nordalbanien (Sarajevo 1912) sowie Beiträge zur Vorgeschichte und Ethnologie Nordalbaniens (Sarajevo 1912) enthalten eine Fülle von Beobachtungen aus den obengenannten Bereichen, auch wenn das Material aus heutiger Sicht wenig systematisiert erscheinen mag. In späteren Jahren, als er sich sozusagen zur Ruhe gesetzt hatte und den Balkan nicht mehr so aktiv bereiste, erschienen anspruchsvollere Werke, die einem wissenschaftlichen Anspruch in jeder Hinsicht genügen. Die bekanntesten dieser Arbeiten sind: Bauten, Trachten und Geräte Nordalbaniens (Berlin & Leipzig 1925) und vor allem seine grundlegende, 620-seitige Monographie, Geologie und Geographie Nordalbaniens (Öhrlingen 1932), die unter seinen zu Lebzeiten veröffentlichten Werken als Gipfel seiner albanologischen Forschung gelten kann.

Nopcsas Publikationsliste umfaßt insgesamt über 186 Titel, hauptsächlich aus den drei obengenannten komplexen Bereichen der Paläontologie, Geologie und Albanienforschung, davon ca. 54 Albanien betreffende Veröffentlichungen.

Sein frühzeitiger Tod ließ allerdings Bedeutendes unveröffentlicht. Der wissenschaftliche Nachlaß Nopcsas ging, soweit er paläontologischer Natur war, an das British Museum in London. Der albanologische Teil der Hinterlassenschaft ging an seinen Kollegen und ebenfalls bekannten Albanologen Professor Norbert Jokl (1877-1942) in Wien. In einem Schreiben vom 24. April 1933, seinem Todestag, hatte Nopcsa Herrn Jokl eine Liste der ihm überlassenen Manuskripte gegeben und ihn gebeten, sich mit Paul Graf Teleki in Budapest in Verbindung zu setzen, damit dieser die Mittel für eine Veröffentlichung beschaffe. Aus finanziellen Gründen ist es allerdings nicht zu einer Veröffentlichung dieser zum Teil grundlegenden Werke gekommen. Seit dem gewaltsamen Tod von Jokl Anfang Mai 1942 wird der albanologische Nachlaß Nopcsas in der Handschriften-, Autographen- und Nachlaß-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in der Wiener Hofburg aufbewahrt.

Aus dem Wiener Nachlaß sind vor allem fünf Manuskripte zu erwähnen: 1.) Albanien: die Bergstämme Nordalbaniens und ihr Gewohnheitsrecht, Ser. nov. 9392, ein Werk von 510 durchgehend paginierten Blättern, das erfreulicherweise zu einem großen Teil in dem Band Die Stammesgesellschaften Nordalbaniens, Berichte und Forschungen österreichischer Konsuln und Gelehrter, 1861-1917 (Wien-Köln-Weimar 1996) von Fatos Baxhaku und Karl Kaser veröffentlicht wurde; 2.) Religiöse Anschauungen, Sitten und Gebräuche, Ser. nov. 9393, ein Werk zur albanischen Volkskunde in 242 Blättern, wobei die ersten 58 Blätter leider fehlen; 3.) Die Gedichte des Colez Marku, 1895-1932, Ser. nov. 11912, ein Lyrikband in deutscher Sprache mit insgesamt 160 eher bescheidenen Gedichten auf 110 Blättern; 4.) Dialektstudie (Fragment), Ser. nov. 11918, Anmerkungen zur nordwestgegischen Mundart nördlich von Shkodra, auf 36 losen Blättern von unterschiedlichem Format; und last but not least, 5.) die Lebenserinnerungen des Baron Nopcsa unter dem Titel Reisen in den Balkan (Ser. nov. 9368).

Die fünfteilige Monographie Reisen in den Balkan, auch irrtümlicherweise als Nopcsas Tagebücher bezeichnet, besteht aus insgesamt 456 mit einer Schreibmaschine getippten und teilweise auch handschriftlichen Blättern, die der Verfasser etlichen Korrekturgängen (mit sieben verschiedenen Farbstiften) unterworfen hatte. Es kann angenommen werden, daß Nopcsa schon vor dem Ende des Ersten Weltkrieges mit einer ersten Niederschrift seiner Lebenserinnerungen angefangen hatte. Als Grundlage hierfür verwendete er seine lang als verschollen geglaubten Notizbücher, die er während seiner Balkanreisen stets bei sich trug. Sieben dieser mit kurzen Notizen, Terrainaufzeichnungen, Reiseskizzen, Zahlen und Rechnungen versehenen Bände, davon sechs Albanien betreffend und ein siebter über Bulgarien, habe ich 1990 in den albanologischen Beständen der Nationalbibliothek in Tirana aufgefunden [Signatur DR2/3F bis 8F]. Sie betreffen die folgenden Zeiträume: Bd. 1 (1905), 430 S.; Bd. 2 (1906), 580 S.; Bd. 3 (1907), 474 S.; Bd. 4 (1908), 316 S.; Bd. 5 (1909), 686 S.; und Bd. 6 (1913), 213 S. Diese Oktav-Bände, wie vermutlich viele anderen Werke aus der Privatbibliothek von Nopcsa, wurden nach dem Tod des Autors vom Buch- und Kunst-Antiquariat Heinrich Hinterberger, Hegelgasse 17, in Wien, für 150 Schweizer Franken zum Verkauf angeboten und gelangten in die Sammlung des albanischen Publizisten Mid'hat Bey Frashëri (1880-1949), auch als Lumo Skendo bekannt, der mit 20.000 Bänden damals die größte Privatbibliothek Albaniens besessen haben soll. Da Frashëri während des Zweiten Weltkrieges ein bedeutender Führer der antikommunistischen Widerstandsbewegung Balli Kombëtar war und mit dem Sieg Enver Hoxhas 1944 Albanien in Richtung Süditalien verlassen mußte, wurde seine berühmte Sammlung von den kommunistischen Behörden beschlagnahmt. Sie bildet einen wesentlichen Grundstock des albanologischen Fundus der jetzigen albanischen Nationalbibliothek (BKT). Bis zum Ende der Diktatur standen diese Vorkriegsbestände nur ausgewählten Wissenschaftlern zur Verfügung.

Die Lebenserinnerungen, d. h. das bereits erwähnte Manuskript Reisen in den Balkan, umfassen einen zwanzigjährigen Zeitraum von 1897 bis zum Jahre 1917, als Nopcsa erst vierzig Jahre alt wurde. In einem Brief an Jokl vom 8. Oktober 1928 schrieb Nopcsa, daß er 1918 sein Notizbuch verloren habe, was den ziemlich plötzlichen Abbruch der Memoiren im Jahre 1917 erklärt. Das fünfbändige Werk dürfte um 1929 zusammengestellt worden sein, als Nopcsa deren Veröffentlichung geplant hatte. Der Stadium-Verlag in Budapest hatte sich bereit erklärt, eine ungarische Übersetzung des Werkes zu veröffentlichen. Kálmán Lambrecht, der durch Nopcsas Verwendung Bibliothekar der Geologischen Reichsanstalt in Budapest war, wurde mit der Übersetzung beauftragt und gleichzeitig mit der undankbaren Aufgabe betraut, Nopcsas zahlreiche Änderungswünsche vor dem Verlag zu vertreten. Nach vielem Hin und Her zog der Verlag sein Angebot zurück. Aus diesem Grund zerschlugen sich auch die Verhandlungen über eine deutsche Ausgabe des Werkes (1).

In Teil I der Memoiren, Studien und erste Reisen (1897-1905), begegnen wir dem jungen Baron zum ersten Mal in der wilden nordalbanischen Berglandschaft, wohin sich bis damals nur wenige Fremde getraut hatten. Nach seiner feierlichen Promotion an der Universität Wien im Sommer des Jahres 1903 versuchte er im Anschluß an eine Griechenlandreise von Skopje über Prizren nach Shkodra zu reiten, um den dortigen k.u.k. Konsul, Baron Bornemisza Gyula, zu besuchen. Diese erste Erfahrung mit Albanien fing in der Tat sehr "albanisch" an:

"Von Skopje begab ich mich, wie oben gesagt, nach Prizren. Dort erhielt ich drei Zaptiehs, um nach Shkodra zu reiten. Die erste Nacht schlief ich im Han von Brut und, als ich dort am folgenden Tag bei Morgengrauen weg ritt, wurde ich bei einer Wegkrümmung aus dem zur rechten Seite des Wegs befindlichen Eichengestrüpp aus unmittelbarer Nähe angeschossen. Die Kugel durchlöcherte meinen Hut und streifte meinen Kopf, ohne mich jedoch zu verwunden. Ich sprang vom Pferde, suchte Deckung und wollte den Schuß quittieren, konnte den Übeltäter aber nicht erblicken. Übrigens hatte ich in diesem Augenblick das höchst unchristliche Gefühl eines Jägers, der auf ein gutes Stück lauert. Ich hatte also meinen mit Fernrohr versehenen Mannlicher Karabiner vergebens geladen am Sattel gehabt. Der Ritt von Ura e Vezirit (Vesirbrücke) nach Shkodra verlief anstandslos."

Bei späteren Reisen ging alles ruhiger zu, und er lernte das Land und die eigenwilligen Gebirgsstämme des Nordens zu lieben. Von seiner ersten größeren Forschungsreise im Sommer 1905 bietet er folgende Schilderung:

"Einen tiefen Eindruck machte auf mich eine Episode im Cemtal bei der Brücke von Tamara im Gebiet der Kelmendi. Ich bat bei einem Hause um einen Trunk Wasser, statt mir aber Wasser zu geben, trug mir der mir bis dahin unbekannte Hausherr eine Schüssel saure Milch an, die ich bis auf den letzten Tropfen austrank. Kaum war dies geschehen, so kam der mir gleichfalls unbekannte Bruder des Hausherren zufällig nach Hause und wollte sich, da es gegen Abend war und ihm sein Weg ermüdet hatte, an der saueren Milch erlaben. Er fand aber naturgemäß bloß die leere Schüssel und, als ihn nun der Hausherr zu verstehen gab, wer die Milch getrunken hätte, war er keineswegs, wie man meinen sollte, ungehalten, sondern meinte vielmehr, es sei ein Glück, daß er erst nach mir zu seinem Hause gekommen sei, denn so sei seine Familie glücklicherweise nicht der Notwendigkeit ausgesetzt gewesen, einen Gast hungrig von dannen ziehen zu lassen."

Nopcsa hielt sich in Nordalbanien am Anfang des Jahrhunderts nicht nur aus persönlichen und Forschungsgründen auf. Er war in höchstem Maße auch politisch tätig, bisweilen auch zum Leidwesen des österreichischen Außenministeriums am Wiener Ballhausplatz. Während der Annexionskrise 1908-1909 war Nopcsa an der Vorbereitung einer sogenannten 'Albanienaktion' gegen Serbien und Montenegro beteiligt. Vor und während dem ersten Balkankrieg 1912 griff er auch aktiv in die österreichische Außenpolitik ein und nahm während des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger in Albanien an den Kriegsereignissen teil. 1916 war Nopcsa Kommandant einer albanischen Freiwilligenabteilung, die sich allerdings mit dem Zusammenbruch der k.u.k Monarchie auflöste.

Recht aufschlußreich sind Nopcsas Ausführungen zum Albaner-Kongreß von Triest 1913 und zur Wahl eines europäischen Fürsten für das kleine neu ausgerufene Fürstentum Albanien. Ich zitiere hier ausführlich, denn diese Passage ist für die politische Geschichte Albaniens recht aufschlußreich:

"Noch vor diesem Rücktritte war ich vom 27. Februar bis 6. März beim Albaner-Kongreß in Triest gewesen. Dieser Albanerkongreß war eine merkwürdige Sache. Im Frühjahr 1913 war der albanische Thron noch vakant, und die Leitung der albanischen Angelegenheiten lag in den Händen Ismail Qemalis, der zuerst in Budapest bei Exzellenz Hadik Janos mit Berchtold zusammen gekommen und dann im Auftrage und mit der Unterstützung Berchtolds nach Vlora gefahren war, wo er zuerst die Provisorische Regierung des neu gegründeten Albaniens ins Leben gerufen hatte, hierauf aber als langjähriger Freund Griechenlands und als dessen bezahlter Agent diesem, für den Fall, daß er Chef Albaniens bleiben würde, die Einnahme Janinas zu erleichtern versprochen hatte. Daß Ismail Qemali Chef einer provisorischen Regierung bleiben wollte, schien, da so etwas oft viel Geld einbringt, selbstverständlich. Weniger selbstverständlich war aber, daß sich Berchtold, wie aus seinem Tête-à-tête mit Ismail Qemali ersichtlich, die Fähigkeit zugetraut hatte, Ismail Qemali zu überlisten. Natürlich ist ihm dies auch mißlungen. Daß Ismail Qemali Albanien an Griechenland verraten würde, konnte ich, da mir Stead einiges im Jahre 1911 über das Verhältnis Ismail Qemalis zu Griechenland und jener Schriftsteller Ular, der zusammen mit Insaboto das Buch der 'Erlöschende Halbmond' (2) geschrieben hatte, einiges über Ismails Benehmen als Gouverneur von Tripolis erzählt hatten, leicht voraussehen. Auf Berchtolds Frage, was ich von Ismail Qemali halte, sagte ich ihm übrigens schon zwei Wochen, nachdem Ismail die Provisorische Regierung gegründet hatte, Wort für Wort, "Ismail Qemali ist ein Schwein." Der Verrat Ismail Qemalis an Albanien wurde mir später von Eqrem Bey Vlora, der der Sohn des albanischen Gesandten in Wien, Sureja Bey, und Neffe Ismail Qemalis war, voll inhaltlich bestätigt. Ob man in Griechenland Ismail Qemali gegenüber nach der Besetzung Janinas nach dem Rezept handeln wollte, 'Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; der Mohr kann gehen', was mir wahrscheinlich erscheint, oder nicht, kann ich nicht entscheiden. Auf jeden Fall wurde aber, während der freilich nur mit großen Summen bestechliche Ismail Qemali in Vlora Chef der albanischen Provisorischen Regierung war, in Europa heftig für die verschiedenen albanischen Thronkandidaten agitiert.

Albert Ghika, der früher selbst albanischer Thronprätendent gewesen war, hatte es zu Wege gebracht, den Herzog von Montpensier (3) für die Krone Albaniens zu interessieren. Er trat ihm seine bisherigen, freilich von niemandem anerkannten 'Rechte' ab und gegen eine entsprechende Renumeration agitierte er für diesen Herzog. Sehr leicht wurden für Montpensier der geizige Fazil Pascha Toptani und einige andere Albaner gewonnen, und so entstand denn der Plan, Montpensier durch einen Albanerkongreß zum Herrscher Albaniens ausrufen zu lassen. Inzwischen sollte Montpensier selbst die griechische Blockade brechen und sich in den Besitz Vloras und Ismail Qemalis setzen. Da man wegen Montpensiers Verwandtschaft den Widerstand der Monarchie fürchtete, so zeigte es sich als angezeigt, wenn der zu berufende Albanerkongreß von Österreich-Ungarn gefördert würde, und deshalb beschloß man, um ein schönes diplomatisches Kuckucksei zu legen, ihn in der Monarchie abzuhalten. Als Strohmann zum Berufen dieses Kongresses benützte man in ganz geschickter Weise den nichts ahnenden, gutmütig-dummen, aber naiv-strebsamen und am Ballhausplatze gut angeschriebenen Stefan Zurani, der aus Eitelkeit den Plan eines Albanerkongresses in Triest am Ballhausplatz als seine Idee ausgab. Da eine Demonstration der Albaner für ihr Vaterland auf österreichischem Boden dem Ballhausplatz recht war, so wurde dieser Plan angenommen und von Wien gefördert. Außer Albanern erschienen auf diesem Kongreß auch Italo-Albaner und mit ihnen auch der Marchese Castriota samt seinen Söhnen aus Neapel. Anwesend waren ferner Albert Ghika, dann der Czernowitzer Universitätsprofessor und Historiker Baron Dungern, ferner zwei christlichsoziale Abgeordnete Graf Taaffe und Herr Pantz von Wien, dann der römische Korrespondent der 'Reichspost', Cavaliere Mayerhöfer, und ich. Ich brachte noch Dr. L. Freundlich, einen ehemaligen sozialistischen Abgeordneten aus Wien, mit, der in dem Augenblicke, als Albanien modern wurde, mit großer Geschicklichkeit eine 'Albanische Korrespondenz' gegründet hatte, und nun 'imperialistische Eroberungspolitik machte'. Hassan Arnaut war als mein Privat-Detektiv gleichfalls in Triest. Die Presse war durch verschiedene Blätter vertreten, außerdem erschien in Triest ein Herr Jovo Weis aus Belgrad, der angeblich den Albanern Gewehre zum Preis von 90 Kr. per Stück verkaufen wollte, in Wirklichkeit aber ein serbischer Agent war.

Der Vertreter der österreichischen Regierung war Regierungsrat Makavetz, ein kluger, ruhiger, energischer Kopf, den man nicht leicht außer Fassung brachte. Nach einem Begrüßungsabend wurden am folgenden Tag Marchese Castriota zum Ehrenpräsident und Faik Bey Konitza (4) zum Kongreßpräsidenten gewählt, ferner Hilë Mosi, Fazil Toptani und Derwisch Hima (5) in das Präsidium berufen. Die Wahl Konitzas war nicht nach dem Plane Ghikas, denn als dieser plötzlich die Frage der Thronkandidatur auf das Tapet bringen wollte, da wurde er von Faik, seinem alten Gegner, geschickt daran gehindert. In geschickter Weise hatte sich übrigens Ghika, der wie mancher Rumäne eine Hochstaplerkarriere hinter sich hatte, um einen Trumpf in der Hand zu haben, in den Besitz des einen geistig minderwertigen Sohnes Ismail Qemalis gesetzt. Er war schon vor dem Kongreß nach Nizza gefahren, wo die Familie Qemalis, da Qemali selbst blockiert war, in schlechten Geldverhältnissen lebte, und hatte den Sohn Tahir auf eigene Kosten, das heißt ganz genau gesagt auf Kosten Montpensiers, zum Albanerkongreß nach Triest gebracht. Da Tahir keinen Kreuzer in der Tasche hatte, weshalb ihm alles, ja sogar die Zigaretten, von Ghika gekauft wurden, Tahir also ohne Ghika oder dessen Stellvertreter keinen Schritt bewegen konnte, war Tahir eigentlich Ghikas Gefangener. Was Ghika mit Tahir bezweckte, wurde erst später sichtbar....

Da die Italo-Albanesen, die am Kongresse zahlreich vertreten waren, sich allerdings nur italienische Reden haltend zu bemerkbar machten, ließ ich mich als alter Freund der Albaner bei der Eröffnung des Kongresses von Faik begrüßen. Dann hatte ich einige Minuten Zeit mir meine Antwort zu überlegen, bestieg hierauf das Podium und hielt eine Stehgreifrede auf albanisch. Mit Ausnahme Generalkonsuls Kral und einiger österreichisch-ungarischer und italienischer Konsuln werden mir viele Mitteleuropäer dies wohl kaum nachgemacht haben. Abgesehen von einem Konflikt zwischen Kutzowallachen und Albanern, bei dem das offiziell sozusagen überhaupt noch nicht geborene Nationalitätchen der Kutzowallachen bereits erbauliche Beweise seines Fanatismus und balkanischen Größenwahnes erbrachte, und einem weiteren Zusammenstoße zwischen dem Präsidenten Faik Bey Konitza und dem mehr gaunerartigen Nikolla Ivanaj, der bloß, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, den Präsidenten fordern wollte, damit aber nicht durchdrang, gab es im Kongreß nur sinnlosen Wortschwall und, als aus dieser Redewüste nichts Kluges herauskam, sah ich mich am Abend des vorletzten Kongreßtages veranlaßt, Faik Bey Konitza beiseite zu rufen und ihm aufmerksam zu machen, daß der Kongreß bisher gar keine Arbeit geleistet hatte, während doch das mindeste, was man von einem politischen Kongreß erwarten müsse, eine Resolution sei. Faik stimmte mir bei, und ich diktierte ihm also eine Resolution, die der Kongreß am folgenden Tag telegrafisch an sämtliche Großmächte zu übermitteln hätte. In einer halben Stunde war die Sache erledigt, und Faik legte am nächsten Tag das Schriftstück dem Kongreß als Resolution vor. Nach einer die Stellung der Kutzowallachen im Kongreß und im zukünftigen Albanien betreffenden Debatte, die Faik dadurch, daß er an die Kutzowallachen sozusagen ein Ultimatum stellte, zugunsten der Albaner erledigte, wurde die Sache angenommen, und so gelangte mein Diktat als Kongreßbeschluß an die Großmächte.

Während des Kongresses erfuhr Cavaliere Mayerhöfer und zwar von Tahir, dem Sohne Ismail Qemalis, daß sich der Montpensierputsch vorbereitet. Er teilte es mir mit, sonst erfuhr es kein Fremder am Kongreß, also nicht einmal Freundlich oder Dungern. Wir beide avisierten Makavetz, dieser den Ballhausplatz. Dort wurden nun alle Gegenmaßnahmen ergriffen. Ghikas Plan, die Thronfrage auf dem Kongreß vorzubringen, war zwar bereits fehlgeschlagen, immerhin war, da Montpensier über eine seeklare Jacht verfügte, noch ein Handstreich zu befürchten. Zwei Tage blieben wir in Triest ohne Nachricht, ob die Kandidatur Montpensiers wegen seiner Verwandtschaft mit der Erzherzogin Maria Dorothea nicht gar etwa in Wien genehm wäre. Die Albaner, unter anderen sogar Faik Bey, begannen nun uns zu fragen, wie sie sich dieser Kandidatur gegenüber zu verhalten hätten. Auf eigene Verantwortung sagte ich: "Feindlich! denn ich glaube nicht, daß Montpensier ein Wiener Kandidat ist." Endlich kam eine meine Vermutung bestätigende Antwort. Es konnte also gegen Montpensier offen vorgegangen werden. Zufällig gaben die Wiener Abgeordneten dem Kongreß im Palace Hotel ein Bankett, und da sagte ich denn in einer Konversationspause mit lauter Stimme: "Ich höre, Montpensier will König von Albanien werden, und es gibt auch schon gedruckte Proklamationen! Hat zufällig einer der Herren so eine in der Tasche? Sie wissen ja, meine Herren, daß auch ich auf Albanien bezughabende Drucke sammele." Große Überraschung, große Stille. Doch Fan Noli (6) vergaß sich, zog eine Drucksache aus der Tasche und überreichte sie mir. Montpensiers Geheimnis war verraten. Abends fuhr die Proklamation per Post an Berchtold. Unsere Sorgen waren geringer aber noch nicht verschwunden. Es trat dann, als sich am folgenden Tag im Kongresse plötzlich das Gerücht verbreitete, daß ein Bote der albanischen Provisorischen Regierung aus Vlora in Triest eingetroffen sei, und einige Minuten später ein von der Reise ermüdeter hochgewachsener, aber gebeugter schwerfälliger Greis unter sichtbarer Aufregung in den Saal geleitet wurde, ein geradezu dramatischer Moment ein. Der Ankömmling war der albanische Minister, Kristo Meksi. Er kam geradewegs aus Vlora. Frenetischer Jubel, alle waren wie elektrisiert. Faik wurde leichenblaß, denn er fühlte, das Präsidium hatte jetzt jeden Einfluß auf den Kongreß verloren. Hier präsidierte jetzt die Provisorische Regierung. Er wußte nicht, was für eine Nachricht Meksi mit sich brachte. Proponierte Kristo Meksi infolge irgend einer geheimen Verabredung als Abgesandter der albanischen Regierung von Vlora den Herzog von Montpensier zum Fürsten von Albanien, so war seine Wahl sicher. Ich setzte mich zum Vertreter der österreichischen Regierung, Makavetz, und sagte: "Sie! Wenn Kristo Meksi jetzt die Kandidatur Montpensiers aufstellt, sind wir verloren, denn er wird einstimmig proklamiert." Makavetz blieb äußerlich ruhig aber jede Faser war gespannt. Er war bereit, es auf einen Skandal ankommen zu lassen und den Kongreß zu schließen. Kristo Meksi beginnt zu reden. Er entbietet dem Albanerkongreß den Gruß der Provisorischen Regierung und teilt den Anwesenden mit, daß die Mitglieder der Regierung alle ganz gesund sind, und dann verläßt er, ohne zu ahnen, welche Entscheidung in seinen Händen gelegen war, unter erneutem, frenetischem Applaus das Podium. Die Wolke war vorüber. Wir erkannten, daß Ismail Qemali von Montpensiers Vorhaben noch nicht unterrichtet war, und nun hieß es, Tahir von Ghika zu trennen. Ein Zufall erleichterte unsere Pläne. Ghika wollte sich das Zahlen von Tahirs Hotelauslagen ersparen. Er wandte sich an andere, und sehr bald kam denn auch ein albanischer Patriot. Ich glaube, es war Mark Kakarriqi oder Koci, der zu mir kam und sagte, Tahir, der Sohn des Präsidenten der albanischen Regierung, sei in Geldnöte geraten. Da er mich als Freund der Albaner zu erkennen angab, fragte mich dieser Patriot, ob ich nicht bereit sei, helfend einzugreifen, um Tahirs Schulden zu bezahlen, denn, wenn dies bekannt würde, würde es auf ganz Albanien ein schlechtes Licht werfen. Tahir brauchte 500 bis 600 Kronen. Er genierte sich jedoch, mich persönlich darum zu bitten. Ich war zur Hilfe sofort bereit und versprach schon am Nachmittag alles prompt zu regeln. Mittags speiste ich mit Tahir und Mayerhöfer und zeigte Tahir, daß er ein Werkzeug, ja eine Geisel in Ghikas Händen sei, durch die man in Vlora seinen Vater, um das Leben seines Sohnes zu retten, zwingen könnte zugunsten Montpensiers von der Provisorischen Regierung zurückzutreten, worüber Tahir naturgemäß erschrak. Er beichtete alles, was er wußte, sagte aber, er habe kein Geld, sich von Ghika los zu machen. Ich versprach, alles zu ordnen, zahlte am Nachmittag Tahirs Hotelrechnung und erlegte auch die bis zum nächsten Tag früh nötige Summe. Später traf ich den die 500-600 Kronen verlangenden albanischen Patrioten und sagte ihm, daß ich Tahirs Schulden bereits gezahlt hatte, daß er sich aber in der Summe geirrt hätte, da diese nicht 500-600 Kronen sondern nur 190 Kronen betragen habe. Auf diese Weise ist ein albanischer Patriot um einen Gewinnst von 300-400 Kronen gekommen. Tahir lud ich auch abends zum Nachtmahl ein und, damit er ferner, da er mit Ghika in demselben Hotel wohnte, auch in der Nacht nicht mehr verhandeln könne, brachte ich ihm einen schweren Rausch bei. So brachte ich ihn taumelnd um Mitternacht in sein Hotel, wo wir im Vestibül Ghika trafen. Dieser durchschaute nun die Situation und erkannte, daß seine Partie, soweit sie Tahir betraf, verloren sei. Auf mein Geheiß sagte ihm Tahir außerdem noch, daß er jetzt nach Wien fahre, wo er bei mir wohnen würde. Hiedurch war jede weitere Korrespondenz zwischen Ghika und Tahir unmöglich geworden. In der Frühe ließ ich Tahirs Gepäck abholen, dann fuhr er, wieder ohne Geld in der Tasche, diesmal also als mein Gefangener, nach Wien, wo ich ihn in einem Hotel unterbrachte. Später löste ich ihm eine Fahrkarte nach Nizza, gab ihm etwas Reisegeld in die Hand und schickte ihn zu seiner Mutter. Damit sich so eine Geschichte nicht noch einmal wiederholte, sandte auch der Ballhausplatz an die Frau Ismail Qemali eine größere Summe, wodurch an ihrer momentanen Geldverlegenheit geholfen wurde. Um Tahirs geistiges Niveau zu charakterisieren, genügt die Angabe, daß er unter Abdul Hamid türkischer Marineoffizier war, denn dies sagt schon alles. Dies war meine Tätigkeit bei dem Albanerkongresse in Triest....

Von Triest kam ich wieder nach Wien. Bei dieser Gelegenheit jammerte mir Berchtold, als ich die bösen Folgen einer langen Vakanz des eben errichteten albanischen Thrones voraussehend, die Besetzung desselben urgierte, daß er keinen Thronkandidaten finde. Es gab zwar eine große Zahl von Kandidaten. In erster Linie kam damals Graf Urach von Württemberg in Betracht, dann hatten sich ein ägyptischer Prinz, Achmed Fuad, und sogar der Sohn des Marchese Castriota aus Neapel gemeldet. Unter solchen Umständen beschloß ich einen Schritt zu unternehmen, der mich allerdings leicht lächerlich machen und meine ganze bisherige albanophile Arbeit in ein schiefes Licht stellen konnte, den ich in Anbetracht der Umstände aber dennoch wagte. Ich teilte Exzellenz Conrad mündlich mit, daß auch ich, falls ich vom Ballhausplatz unterstützt würde, bereit wäre, unter die Zahl der Thronkandidaten zu treten, und erklärte ihm, daß ich hiezu bloß einmal eine größere Summe brauche, um die sogenannten albanischen Patrioten zu kaufen, was, wie mir der Montpensier-Putsch gelehrt hatte, nicht schwer war, um mich von ihnen zum Fürsten proklamieren zu lassen. Einmal regierender europäischer Fürst, sagte ich, würde es mir ein leichtes sein, mir die übrigen notwendigen Geldmittel durch die mir sonst entschieden antipathische Heirat mit einer reichen auf einen Fürstentitel aspirierenden Amerikanerin zu beschaffen. Der Zustimmung der Bewohner des nördlichen Teiles war ich infolge meiner Haltung in den Jahren 1910 und 1911 sicher, und in Wien konnte ja außerdem gehofft werden, daß auch der damals von Berchtold unterstützte Ismail Qemali keine Schwierigkeiten machen würde....

Vielleicht wurde meine Kandidatur in kompetenten Kreisen bloß belächelt. Als ich mich aber einige Wochen später von jeder weiteren Albanien betreffenden Aktion angeekelt zurückzog, meinten viele Eingeweihte, dies geschehe bloß deshalb, weil sich meine hochfliegenden Pläne nicht realisiert hätten, während ich als Ursache das angab, daß Albanien in der Weise, wie es aus der Londoner Konferenz hervorging, eine Totgeburt repräsentiere. Gegen diese verleumderische Unterschiebung, die von meinen Gegnern natürlich weidlich ausgenützt wurde, versuchte ich mich gar nicht zu verteidigen, denn ich wußte, daß die kommenden Ereignisse meine beste Apologie sein würden. Der Niederbruch des albanischen Staatsschiffes im Jahre 1914 zeigte, daß ich 1913 in der Tat recht hatte, mich vom sinkenden Schiffe zu entfernen. Mein einziger 'Fehler' war der, daß ich die Ereignisse lange vor meinen Gegnern vorausgesehen hatte. Während die Londoner Konferenz noch tagte, gelangte der Fürst Wied (7) auf den Thron Albaniens....

Bald nach dem Albanerkongreß trat ich, wie schon gesagt, infolge der Festlegung der Londoner Grenze auch aus dem Albanienkomitee aus und zog mich vor jeder politischen Tätigkeit zurück."

So endete Nopcsas politisches Engagement für den neuen albanischen Staat und seine Kandidatur für den albanischen Thron.

Zum Leben und Werk des Baron Nopcsa ist viel geschrieben und veröffentlicht worden, so daß auf einen eingehenden Lebenslauf vor und nach dem Balkankrieg hier verzichtet werden kann. Als Orientierung seien hier kurz auf die wesentlichen, Nopcsa betreffenden Veröffentlichungen hingewiesen. Der erste Versuch, Nopcsas Leben, Werk und Wirkung publizistisch darzustellen, wurde von András Tasnádi Kubacska unternommen, und zwar in einer ungarischen, Nopcsa Ferenc kalandos élete (Budapest 1937), und einer deutschen Fassung, Franz Baron Nopcsa (Budapest 1945). Tasnádi Kubacska würdigte Nopcsa in erster Linie als Naturwissenschaftler, ging also weniger auf seine Leistungen als Albanienforscher und politische Figur ein. Stets bemüht, Nopcsa in ein gutes Licht zu stellen, fehlte es ihm bisweilen an Sachlichkeit und Distanz zu seiner Vorlage. In der deutschen Fassung enthält das Buch aber nicht nur eine nützliche Bibliographie der Nachrufe und der zwischen 1920 und 1938 erschienenen Zeitungsartikel zu Nopcsa sondern umfaßt auch Nopcsas Korrespondenz mit Friedrich Baron Huene, Lucas Waagen, Ludwig von Lócsy und Kálmán Lambrecht. Eine umfassende Bibliographie der Werke Nopcsas wurde erst von Kálmán Lambrecht in einem in der Paläontologischen Zeitschrift 15 (1933) veröffentlichten Nachruf mit dem Titel Franz Baron Nopcsa, der Begründer der Paläophysiologie, 3. Mai 1877 bis 25. April 1933 zusammengestellt. Unverzichtbar als Quelle für das Leben und Werk Nopcsas ist in erster Linie die in der Reihe 'Albanische Forschungen' erschienene Abhandlung Franz Baron Nopcsa und Albanien, ein Beitrag zu Nopcsas Biographie (Wiesbaden 1966) von Gert Robel. Grundlage für diese informative und kritische Monographie ist das oben erwähnte Wiener Manuskript. Robel geht ausführlich nicht nur auf Nopcsas wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Albanienforschung ein, sondern auch auf sein Engagement in der albanischen Frage und auf die politischen Hintergründe der Jahre vor, während und nach den Balkankriegen 1912-1913. Nopcsa war ein scharfer, wenn auch nicht immer objektiver Beobachter des Zeitgeschehens auf der Balkan-Halbinsel am Anfang des 20. Jahrhunderts. Vieles, was in seinen Memoiren geschildert wird, wird durch Robel in ein sachlicheres Licht gerückt und erst durch ihn verständlich gemacht. Schließlich bedarf auch die Bibliographie Franz Baron von Nopcsa, Anmerkungen zu seiner Familie und seine Beziehungen zu Albanien von József Hála (Wien 1993) einer Erwähnung.

Als Wissenschaftler ist Nopcsa von vielen hinlänglich gewürdigt geworden. Als Mensch ist Nopcsa gerade in den Memoiren aber viel schwieriger zu fassen. Über seine engsten und intimsten menschlichen Beziehungen schreibt Nopcsa wenig. Seine Memoiren geben nur sehr indirekte und wahrscheinlich ungewollte Schlüsse zu seiner Homosexualität preis: etwa seine frühe Liebe zu Louis Draškovic (1879-1909) sowie seine langjährige intime Beziehung zu seinem albanischen Sekretär Bajazid Elmaz Doda (ca. 1888-1933), der mit ihm starb. Sonst behält der Verfasser seine Gefühle weitgehend für sich. Über Nopcsa als Mensch kommt Robel zu folgendem Schluß: "Überschaut man, rückblickend, Nopcsas Leben, so drängt sich vor allem die Vielschichtigkeit und innere Widersprüchlichkeit dieses Menschen dem Betrachter auf. Eine genial zu nennende Intuition steht dem Unvermögen, die Motive anderer zu erfassen und zu würdigen, kraß gegenüber, harter Egoismus der Liebe zu den Albanern, kühl prüfender Intellekt der emotionalen Voreingenommenheit" (8). Gewiß wird Nopcsa dem Leser nicht immer als angenehmer Zeitgenosse vorkommen. Er erscheint stets geltungsbedürftig, öfter streitsüchtig und arrogant und bisweilen offen antisemitisch. Wenn auch einiges aufgrund seiner Herkunft und seines Milieus verständlich ist, bleibt vieles an seinen Charaktereigenschaften, Beweggründen und inneren Gefühlen verborgen und undurchsichtig.

Wenn Tasnádi Kubacska und Lambrecht in erster Linie auf Nopcsa als Naturwissenschaftler eingehen, so würdigt der zu Lobpreisungen keineswegs geneigte Robel eher seine grundlegende Bedeutung als Albanologe. Fünfundsechzig Jahre nach dem Tod des Baron Nopcsa, nach Jahrzehnten intensiver Albanienforschung in Wien, München, Berlin, Rom, Cosenza, Palermo und Sankt Petersburg, und nicht zuletzt auch in Tirana und Prishtina, kann man ihm nur beistimmen:

"Sein Tod, der von seinen Freunden beklagt, von seinen Kollegen bedauert wurde, bedeutete nicht nur für die Paläontologie und die Geologie einen Verlust. Seine beiden großen Manuskripte über Albanien, die wichtigstes ethnologisches Material enthalten, verschwanden nach seinem Tod und blieben bis heute ungedruckt. Dies ist um so mehr zu bedauern, als es wohl kaum einen Mann gab, der mit solcher Schärfe registrierte und festhielt, was er erlebte, und der zu dieser Zeit sich in Albanien über einen längeren Zeitraum aufgehalten hat. Nopcsa hat mit einer fast universal zu nennenden Neugier gesammelt und notiert, was ihm in diesem Lande begegnete - der Verlust seiner Notizbücher wiegt schwer. Ihm wurde noch zuteil, das 'alte' Albanien zu erleben, ehe das Land von der 'Zivilisation' erfaßt wurde und die alte Ordnung mit ihren Sitten und Gebräuchen verschwand. Die Kombination von wissenschaftlicher Neugier, Beobachtungsgabe und eminentem Fleiß, durch die er sich auszeichnete, machte ihn wie kaum einen zweiten berufen, das Bild dieses 'alten' Albanien festzuhalten und weiterzugeben. Die Ungunst der Zeiten hat dieses Unterfangen, zu dem er bereit war, nur fragmentarisch zur Ausführung kommen lassen. Allein auch das unvollendete Werk sichert ihm noch heute einen Platz unter den bedeutendsten Albanologen." (9)

Robert Elsie

 

(1) vgl. Tasnádi Kubacska 1945, S. 275-277, Robel 1966, S. 135-136.
(2) Alexander Ular & Enrico Insabato: Der erlöschende Halbmond. Türkische Enthüllungen (Literarische Anstalt, Frankfurt 1909).
(3) Ferdinand François Bourbon Orléans-Montpensier.
(4) Faik bey Konitza (1875-1942), albanischer Publizist und Patriot.
(5) Dervish Hima (1873-1928), albanischer Publizist und Patriot aus Struga.
(6) Fan Noli, eigentlich Theofan Stylian Noli (1882-1965), albanischer Politiker, Kirchenfürst und Schriftsteller. Ministerpräsident 1924 und später Gründer der albanischen Autokephalen Orthodoxen Kirche.
(7) Wilhelm, Fürst zu Wied (1876-1945).
(8) Robel 1966, S. 161.
(9) Robel 1966, S. 137, 162-163.

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